Einer für alle! Alle für einen!

Ein Gruppenbild von Martin Liebscher

 

Da ist sie wieder, die ultimative Lösung aller Probleme! Endlich alle gleich! Die auf der Bühne, die im Publikum, die vor der Kamera und die dahinter. Kein Unterschied mehr zwischen den Männern dieser Welt, keiner zwischen Käufern und Verkäufern, zwischen Produzenten und Verbrauchern. Völlig gleichgültig, mit wem man Geschäfte macht, wer einen Vortrag hält und wer den Ausführungen lauscht. Jeder ist austauschbar. Anzüge von der Stange, Ideen von der Stange, Menschen von der Stange. Das gleiche Gehalt, das gleiche Auto, die gleiche Wohnung, der gleiche Urlaub. Wie die Frauen dieser Herren aussehen, kann man sich ebenfalls leicht denken.

Doch der erste Eindruck täuscht. Wir sind offenbar zum Individualismus verdammt. So leicht bildet sich kein ideales Kollektiv. Nach anfänglicher Verwirrung zeigen sich auch im Verein der Liebscher-Duplos Unterschiede. Man muß nur einen Augenblick länger hinschauen. Die Klone differenzieren oder verbinden durch ihr unterschiedliches Temperament. Da gibt es wachsame, verschlafene, passive und aggressive Gemüter, Figuren, die reden und solche, die zuhören. Das Paar vorne links entpuppt sich als eine spiegelbildliche Dopplung und die rechte Rückenfigur dieses Paares wiederholt sich zwei Stühle weiter auf identische Weise. Aufmerksame schauenden Saalordnern oder Sicherheitsbeauftragten verwandt, beobachten zwei in Haltung und Ausdruck absolut gleichgeschaltete Figuren links und rechts der Fensterreihe das Geschehen. Auch sie ein zusammengehöriges Paar. Insgesamt erscheint es, als würde die Situation gleich außer Kontrolle geraten. Einen Beteiligten hat es angesichts des Durcheinanders bereits umgehauen. Er liegt lang ausgestreckt zwischen seinen Kollegen auf dem Boden. Durch ihn wird das Thema der Tagung erneut betont: "Haftungsrisiken - Jahr 20000" ist auf einem Billboard zu lesen. Nur, wer haftet für wen? Jeder für sich? Einer für alle? Alle für einen? Daß es sich bei dem Protagonisten dieses Gruppenbildes um den Künstler selbst handelt, war zu vermuten. Martin Liebscher, Jahrgang 1964, Absolvent der Städelschule in Frankfurt, lebt in Berlin.

Fotoapparat und Computer sind sein Medium. Zuletzt war im vergangenen Sommer in einer Frankfurter Galerie eine Serie von Ufo-Bildern zu sehen.

Vielleicht ist die Existenzform des Künstlers für das Überleben des wahren Individuums eines der letzten Refugien. Vielleicht ist seine Rolle auch in diesem Sinne für die gesellschaftliche Entwicklung geradezu exemplarisch, denn die Gleichschaltung aller wirkt bei näherer Betrachtung doch wenig überzeugend. Vielleicht versteht der Betrachter das Bild als einen Appell, nicht die Äußerlichkeiten, sondern die kreative Energie und das Verantwortungsbewußtsein eines jeden Einzelnen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen. Vielleicht verhält es sich mittlerweile aber auch schon so, wie es uns Andy Warhol vor über dreißig Jahren prognostiziert hat: " Eines Tages wird jeder denken, was er gerade denken will, und dann werden wahrscheinlich alle dasselbe denken." Möglicherweise denken wir tatsächlich nur, daß wir etwas anderes denken als alle anderen. Vielleicht haben wir unseren Zustand bloß noch nicht richtig begriffen. ,

Was es auch immer sonst noch sein mag, das Bild von Martin Liebscher ist ein anschaulicher Denkgegenstand. Was Liebscher zeigt, bringt einen Austausch zwischen Wirklichkeit und Phantasie in Gang, in dem sowohl ästhetische als auch subtil bis subversiv motivierte Argumente ihren Ausdruck finden. Durch die ständige Reibung zwischen unterschiedlich aufgeladenen Polen im Bild, zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen Vielheit und Einheit, Anziehung und Abstoßung entsteht in der Betrachtung ein lebendiges Spannungsfeld, das die Augen stimuliert und zudem großen Spaß bereitet.

 

Andreas Bee

 

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