
Siehe auch Text Movie
Andreas Bee
Mein schönstes Ferienerlebnis 1998
Dunkelheit. Unendliche Weiten. Kaum Abwechslung, seit Stunden. Nur ab und an die
Scheinwerfer und Positionslichter einer anderen Einheit. Gut zu wissen, daß
wir doch nicht ganz allein hier draußen sind. Die Armaturen vor uns leuchten
grün, der Motor läuft gleichmäßig und ruhig. ML hält die
»Galaxie« auf Kurs. Gegen den Schlaf erzählt SN - wie schon seit
Tagen - seine Geschichte von Selim und der Gabe der Rede. So könnte es weitergehen,
tagelang, wochenlang, bis an die Grenzen von Raum und Zeit. Doch wir haben ein Ziel.
Ohne Vorzeichen, ganz langsam, nach langem, ruhigen Gleiten wird hoch über dem
Horizont ein warmes Leuchten sichtbar. Zuerst unbestimmt. Vielleicht nur eine Sinnestäuschung,
ein Produkt der müden Augen oder eine unspezifische Reflexion in den Scheiben
unserer Kabine. Unsicher und gespannt geht der Blick in die Ferne. Und tatsächlich,
mit der Zeit wird das Leuchten deutlicher. Das Licht, dessen Ursprung verborgen bleibt,
gibt nach und nach die Umrisse einer Landschaft zu erkennen. Und dann, völlig
überraschend, so als hätte jemand einen Vorhang gelüftet, taucht,
wie aus dem Nichts, unter der leuchtenden Wolke ein Meer von Lichtern vor unseren
Augen auf. Kein Zweifel, wir haben unser Ziel erreicht.
Kurze Zeit später landen wir in einer außergewöhnlichen Ansiedlung,
finden uns mitten in einem magischen Ort, einer höchst raffinierten Insel der
Illusionen, einer Welt, so hatten wir immer wieder gehört, die ihre Besucher
in alle Länder und alle Zeiten, die es jemals auf dem Planet Erde gab, zu versetzen
vermag. Und die ersten Eindrücke sind in der Tat überwältigend.
Eine römische Stadt mit einem Cäsaren-Palast gleitet vorbei, bevor sich
unsere Blicke und Gedanken im Mittelalter, in die Zeit der Artusrunde verstricken.
Noch ehe ein Gedanke reifen kann, wird er schon wieder überlagert von anderen
Bildern. Bevor wir die Wolkenkratzer von Manhattan streifen und an der Freiheitsstatue
und der Brooklyn Bridge vorbei auf Bellagio und die Palladio-Villen stoßen,
blitzt noch kurz Monte Carlo auf. Auf eine blutige Piratenschlacht vor tropischer
Schatzinsel folgt das Bild einer schwarzglänzenden Pyramide mit mächtiger
Sphinx, Nilbarken und Ramses-Statuen. Wir parken unser Gefährt und betreten
»Luxor«. Im Inneren der Pyramide treffen wir Wesen aus allen Gegenden
der Galaxie. Da gibt es dickbäuchige Spezies in kurzen Beinkleidern aus uns
unbekannten Regionen mit fettglänzender heller Haut, getrocknete dürre
Leiber weiblichen Geschlechts, die durch fremdartige Balsamierkünste weit über
ihre Zeit hinaus erhalten wurden, kugelig und kurz gewachsene Wesen mit einer säuselnden
Sprache, menschenähnliche Mutationen unbestimmter Abstammung, kurz: eine bunte
Mischung, die in ihrer Kuriosität kaum zu steigern ist.
In der Menge auf einmal vertraute Gesichter. AL und WS haben in ihrer X19 ebenfalls
die Reise nach Vegas geschafft. Auch ihnen erscheint alles fremd und vertraut zugleich,
doch am Tag unserer Abreise ahnen wir, daß es wahr sein könnte, was man
uns immer wieder prophezeit hat: »If you lived here, you`d be home by now.«
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