Taktiken des Ego
25. Mai bis 31. August 2003
Stiftung Wilhelm Lehmbruck MuseumFriedrich Wilhelm Str. 40
47051 Duisburg
Di-Sa 11-17:00
So 10-18:00
+49 0203 283 3194 / 2630
mit einem Text von Renate Heidt Heller
136 Seiten, 21cm x 27cm.
Kerber Verlag 2003
ISBN 3-936646-12-0

anlässlich der 27. DUISBURGER AKZENTE zum Thema ICHS
Kuratorinnen: Cornelia Brüninghaus-Knubel, Dr. Sabine Maria Schmidt (Konzeption)
Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler:
Gilles Barbier, Birgit Brenner, John Davies, Tracey Emin, Ludger Gerdes, Mathilde ter Heijne, Martin Liebscher, Mark Manders, Björn Melhus, Aernout Mik, Muntean/Rosenblum, Corinna Schnitt, Lorna Simpson, Ben Vautier und Bill Viola
PRESSETEXT:
Das menschliche „Ich“ hat unzählige Taktiken und Finten entwickelt, sich selbst zu verwandeln, darzustellen oder aber auch gänzlich zu verleugnen. Dabei definiert sich das „ICH“ als eine sich ständig wandelnde Größe. Der Gedanke, dass das Selbst keiner ganz-heitlichen, feststehenden Einheit zuzurechnen ist, sondern imaginäres Kräftefeld mit offenen Grenzen sein kann, war immer Ausgangspunkt einer langen Tradition künstlerischer Selbstinszenierungen und –behauptungen.
Doch nicht das EGO des Künstlers steht im Mittelpunkt der Ausstellung, sondern das der menschlichen Psyche. Wie viele „Ichs“ finden in ihr Platz oder müssen heute in ihr untergebracht werden? Die Diskurse um Subjekt- und Identitätskonstruktionen der 90er Jahre, der biologischen Reproduzierbarkeit menschlichen Erbgutes und der damit verlorenen traditionellen Vorstellung des individuellen Ichs, schwingen zwar in den künstlerischen Positionen der Ausstellung mit, nähern sich der Thematik aber auf einer viel unmittelbareren psychologischen Ebene.
In einer pointierten Auswahl zeigt die Ausstellung, wie zeitgenössische Künstler auf psychologisch, sozial, emotional und politisch motivierte Transformationen des „ICHS“ reagieren. Die Positionen schlagen dabei Bögen zwischen der Egomanie (Corinna Schnitt, Tracey Emin) und der Selbstverachtung (Mathilde ter Heijne, Tracey Emin), der Identitätsfindung und der Fiktionalisierung des Selbst (Bjørn Melhus, Birgit Brenner), der individuellen (Bill Viola) und sozial (John Davies) bzw. durch Kommunikation kodierten (Lorna Simpson) Selbsterfahrung.
In unserer Zeit erscheint Selbstwahrnehmung häufig nicht mehr nur als Erkenntnisinstrumentarium, sondern zunehmend auch als stereotype psychologische Pflichtübung eines letztlich „standardisierten Individuums“.
Der Künstler Aernout Mik setzt gesellschaftliche und soziale Psychosen in metaphorische Videobilder um. Martin Liebschers inszenierte Fotoarbeiten unendlicher Verdoppelungen verwandeln das Selbstportrait des Individuums in eine selbstbezogene Massengesellschaft. Gilles Barbier führt mit seinen „Realitäts-korrekturen“ ein Auseinander-fallen und Zusammensetzen der eigenen Person vor, was ihm erlaubt, vorrübergehend unterschiedlichste Standorte einzunehmen. Das Künstlerpaar Muntean/Rosenblum sampelt Texte und Bilder und lässt Teenager ironisch und gebrochen über Lifestyle und Lebenssinn reflektieren. In John Davies Duisburger Skulptur stehen sich zwei Figuren unvereinbar in einem psychologischen „In-between“ gegenüber.
In der Welt von Mark Manders kann alles in Bewegung sein, sich aus dem Makrokosmos in eine Mikrostruktur verwandeln. Mit seinem Werkkomplex „Zelfportret als Gebouw“ („Selfportrait as a Building“) wird die sich ständig neu konstruierende und erweiternde Architektur Metapher für den Blick auf sich selbst als den Blick auf jemanden anderen.
Hat der nachgesagte exzessive Individualismus unserer Gesellschaft zu einem Aussterben des wahren Individuums geführt? Und welche Konsequenzen hat die Selbstbespiegelung für eine gesellschaftliche Verortung? „Wie macht man WIR?“ fragte Ludger Gerdes in einem Entwurf für eine Wandmalerei? Und Ben Vautiers nimmermüde Statements und Protestsprüche insistieren auf der Möglichkeit individueller Behauptung:
„L’art est une question d’Ego – pour changer l’art il faut changer l’Ego.“ (Ben)