1.LIGA!

Pfalzgalerie Kaiserslautern
©1999 Kehrer Verlag Heidelberg, Künstler, Autoren und Photographen
Herrausgeber: Britta E. Buhlmann / Pfalzgalerie Kaiserslautern
Ausstellung und Katalog: Leonhard Emmerling
ISBN 3-933257-15-8
Text von Leonhard Emmerling   Seite 68/69

Martin Liebscher hat Anfang der 90er Jahre, zusammen mit Marko Lehanka, soziale Konstellationen simuliert: eine Detektei, ein Schiffahrtsbüro, einen Nachtclub. Alles war da, das Türschild, die Inneneinrichtung, die Wimpel, Kataloge, die richtige Beleuchtung, und doch war alles falsch. Weder gab es Detektive noch Schiffe noch Animierdamen, allen Hoffnungen zum Trotz.(1)

 

Die Simulation ist auch heute, da Liebscher sich auf die Photographie konzentriert, seine bevorzugte Strategie.

 

Lost in Lautern nannte Liebscher eine Postkartenedition, die ein Ufo über der Pfalzgalerie zeigt (vgl. Umschlagabbildung hinten). Beeindruckend, aber selbstverständlich simuliert, und dies auf die primitivste Art und Weise: eine Art Gardinenstange mit Nylonschnur hielt das monströse Objekt, das Liebscher aus den Reststücken von Einwegkameras gebaut hatte. "lf you lived here you`d be home by now" hatte er seine Ausstellung in der Frankfurter Galerie Voges + Deisen 1998 genannt - "lf you lived here you'd be lost by now" könnte man den Ufo-Einsatz in Kaiserslautern überschreiben .

 

Sein Beitrag zur 1 .Liga!, den er Liebscher-eine Künstlerfamilie aus der Pfalz nannte, bestand aus mehreren Elementen: Familienbildern, dem Weltrekord- dem längsten Gruppenbild der Welt -, einer Projektion und Beiträgen seiner Schwester und seiner Eltern.

 

Die Aufnahmen für die Projektion entstanden im mittleren Foyer der Pfalzgalerie: Mit einer russischen 3 D Kamera photographierte ich Liebscher, wie er sich im Raum umher bewegte, die Führungsblätter durchlas, über die Brüstung ins Treppenhaus blickte, die präsentierten Werke betrachtete (mit Sonnenbrille!) oder eilig die Stufen hinabeilte. Jedes einzelne Bild wurde gescannt und im PC nachbearbeitet, indem Liebscher die Aufnahme mit der am weitesten entfernten Person auswählte, aus allen anderen seine Figur ausschnitt und in diese erste Aufnahme kopierte. So entstand ein Panorama, in welchem lauter Liebschers in der Leere des Museumsraums herumgeisterten. Von diesem wiederum belichtete er zwei Diapositive, die, mit einem entsprechenden 3-D-Apparat projiziert und einer speziellen Brille betrachtet, die Aufnahme als dreidimensionales Bild zeigten.

 

In ähnlicher Weise entstehen die Familienbilder, von denen Liebscher vier (Searchlight, Nevada; Marble Cañon, Death Valley; Formosa Bar, L.A. und Matterhorn, Disney Land) zeigte, welche während seines Aufenthalt im Rahmen des Mackey Apartment Stipendiums in Los Angeles und einer anschließenden Reise durch die USA entstanden waren. Die Simulation auf die Spitze trieb dabei Matterhorn: Mehrere Martin Liebschers mitten in der Simulation einer europäischen Landschaft.

 

Die mittels eines Inkjet-Druckers ausgedruckten Bilder hängte Liebscher an Stellen in der Ständigen Sammlung, an denen sonst Gemälde von Hans Purrmann und Otto Dill zu sehen sind, die für eine Wechselausstellung abgehängt worden waren.

 
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Martin Liebscher

Längstes Gruppenfoto der Welt, 1997

1. Eine Übersicht über die Projekte enthält Rogue The Missing Link #1, Frankfurt/Main 1994/95 Vgl. auch www.leebsher.de (Stand September 1999)