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Mannheimer Morgen

04.11.2006

 

 

Willkommen in Liebscher

Mannheimer Kunstverein

 
Die Welt - ein fantastisches Gewimmel

von Nina Haas

KUNST: Der Mannheimer Kunstverein kombiniert Martin Liebschers witzige Selbstporträts mit wunderbaren Panoramabildern

Kartoffelsalat, Kartoffelsalat, Kartoffelsalat. 15 Mal schaufelt sich da auf Martin Liebschers großformatig fotografierter Camping-Idylle ein junger Mann in blauer Trainingsjacke selbigen vom Plastikteller. Er tut dies in den verschiedensten Posen - an den Wohnwagen gelehnt, fast vom Klappstuhl fallend, in die Ferne schauend - und mit den unterschiedlichsten Gesichtsaudrücken: gelangweilt, aufmüpfig, trotzig. In einer anderen Ecke des Bildes steigt dieselbe Person in zwanzigfacher Ausführung aufs Surfbrett oder genießt - wiederum scheinbar geklont - in verschiedenen Stellungen die Sonne.

Es ist Martin Liebscher selbst, der in den Fotografien vor sich hin mutiert. Auf den Arbeiten im Untergeschoss der Ausstellung "Willkommen in Liebscher", die ab morgen, 5. November, im Kunstverein Mannheim zu sehen ist, bevölkert er meist hundert-, manchmal sogar tausendfach ein und denselben Ort. In der Suntory Hall, Tokios einzigartiger Konzerthalle, ist das Alter Ego zum Beispiel mehr als 2500 Mal zu erkennen. Als Geigen-, Klavier-, Gesangsvirtuose, als gähnender und begeisterter Zuschauer, mit Mundschutz oder ohne und und und . . .

Drei Tage lang hat der 1964 in Naumburg an der Saale geboren Künstler, der in Speyer aufwuchs und an der Staatlichen Hochschule für Bildene Künste in Frankfurt bei Thomas Beyerle und Martin Kippenberger studierte, dafür auf den Auslöser gedrückt. "Manchmal tat das auch meine Freundin", gibt er beim Rundgang durch seine Ausstellung zu. "Die Entfernungen waren dann für den Selbstauslöser einfach zu groß."Am Ende steht, ob nun im Konzertsaal, in der Vorstandsetage der Deutschen Bank, in einem Fernsehstudio oder der Lieblingskneipe "Kysliwska" in Kreuzberg, stets ein großes, detailgespicktes Gewimmel, eine höchst amüsante "Liebscher-Familie". Unterschwellig schwingt vor allem durch die vielen Perspektivwechsel innerhalb des Bildes dabei aber auch ein Gesellschaftsbild einer Generation mit, die fortwährend in Hektik ist oder verfällt, allerdings ohne dabei so richtig vorwärts zu kommen. Alles dreht sich hier irgendwie im Kreis.

Wunderbar ästhetisch wirkt wiederum, was im Obergeschoss des Kunstvereins zu sehen ist. Es sind Bilder, die Liebscher in den Metropolen dieser Welt mit seiner umgebauten Kleinbildkamera aus DDR-Zeiten geschossen hat. Der Trick dabei: Im Moment, in dem er den Auslöser betätigt, spult der heute in Berlin lebende Künstler den Film einfach weiter, dreht sich und die Kamera oder bewegt sie von oben nach unten. Dadurch erhält er von einem Motiv ein aus bis zu zehn Normalformaten bestehendes Negativ. "Das ist manchmal aber ziemlich ernüchternd", verrät er. "Von hundert Bildern entspricht meist nämlich nur eines meinen Vorstellungen."

Wenn dem so ist, verschwimmen die Details traumhaft, legen sich Wellen und Schlieren wie leichte Nebel über die nie ruhenden Megastädte. Hier bleibt die Zeit nicht stehen. Denn Liebschers verzerrte, mehrere Perspektiven aufnehmende Panorama-Ansichten sind keine Momentaufnahmen, sondern kleines zauberhaftes Kopfkino, in dem das Licht die Hauptrolle spielt. Die Atmosphäre der jeweiligen Stadt fließt symbolisiert von Wolkenkratzern, U-Bahnstationen oder den Gassen eines Fischmarktes an uns vorbei. Und Liebscher hat recht, wenn er sagt: "Weil jede Stadt einen eigenen Glanz hat, scheint auch jedes meiner Bilder ganz anders."

Abbildungen:

   
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