Jean-Christophe Ammann


Martin Liebscher Thunderbird

 

Spricht man vom" bewegten Bild", meint man das Kino: Die Bewegung im Bild. Martin Liebscher jedoch bewegt seine Kamera, eine selbstgebaute, Kleinbildkamera. Er bewegt sie, indem er auch den Knopf dreht, der den Film in Bewegung setzt.

" Während der Maler den ganzen Körper, der Zeichner zumindest noch die Hand bewegen muß, um ein Bild zu erstellen, wurde mit der Erfindung der Fotografie die Selbstbewegung überflüssig, ja, sie war in der Regel sogar ausgesprochen unerwünscht. Es galt - zumindest im entscheidenden Moment der Belichtung - den Apparat und sich selbst ruhig zu stellen. Verwackelte Aufnahmen wurden in diesem Genre nur selten akzeptiert. Liebscher bewegt nicht nur den am bewegten Körper gehaltenen Apparat, sondern gleichzeitig auch noch den Film. Bei offener Linse wird der lichtempfindliche Streifen Zelluloid mehr oder weniger gleichmäßig gespult. Dabei werden Körper- und Kamerabewegung parallel zur Bewegung des Films gerade soweit beschleunigt, daß die entstehenden Bilder vom Betrachter noch in einzelnen Partien gelesen werden können und nicht in ein vielleicht stimmungsvolles, aber unlesbares Flimmern übergehen."(1)

Der Leser möge sich dies vorstellen: mit der einen Hand fahre ich sorgsam Wellen, bald steile, bald flache oder schwenke die Kamera in der Horizontalen. Mit der anderen Hand drehe ich mehr oder weniger gleichmäßig den 35mm-Farbfilm, so daß auf diesem 3 bis 4 Fotos entstehen anstelle der üblichen 24 bzw. 36 Bildeinheiten.

Ich höre Martin Liebscher aufmerksam zu, versuche diese Bewegungen im Geiste auszuführen und folgere, daß eigentlich nur Schlagzeuger die Fähigkeit besitzen, mit beiden Händen simultan voneinander getrennte Rhythmen zu spielen. Martin Liebscher schaut mich erstaunt an. Ja, sagt er, er wäre früher mal Schlagzeuger gewesen. Und schon sind wir beim Rhythmus seiner Fotos. Sie sind stumm, assoziieren dennoch Musik, Geräusche, Stakkatos.

Eines Tages wird Martin Liebscher auch Filme drehen.

Die Fotos sind alle auf der Baustelle der" Welle", hinter der Alten Oper, entstanden, ein Frankfurter Großprojekt, zwar kein Hochhaus, das aber in seinen gewaltigen Dimensionen nicht weniger die Physiognomie der Stadt nachhaltig prägen wird.

Martin Liebscher schafft mit dieser Arbeit den Einstieg in ein langfristig mit dem Unternehmen" Welle" verbundenes Kunstprojekt, und setzt damit gleichzeitig einen künstlerischen Maßstab, weil ortsbezogen.

Spätestens jetzt stellt sich die Frage: Was will er uns eigentlich sagen? Ich könnte mir vorstellen, daß ich nach einer Flasche Whisky etwa das gleiche visuelle Erlebnis hätte wie es uns Martin Liebscher vor Augen hält.

Zum einen ist Martin Liebscher ein Forscher, der die Extreme nicht scheut. Beispiel: Er wurde dieses Jahr offiziell in das Guiness Buch der Rekorde aufgenommen, weil er das bisher längste Foto, 37 m, der Welt geschaffen hat.(2)

Man lächelt gerne über solche Rekorde, aber die Leistungen, die diesen zugrunde liegen, sind stets an Grenzerfahrungen gekoppelt. Liebscher verbindet - technisch gesehen - archaische Erfahrungen mit modernsten Erkenntnissen der digitalen Kommunikationstechnologie.

Zum anderen zeigt er uns in seinen Fotos Grunderfahrungen der menschlichen Wahrnehmungsphysiologie. Man stelle sich vor, jemand würde in einer Großstadt auf dem Weg zu seinem Arbeitsort alles wahrnehmen: Bilder, Gedanken, Geräusche, Stimmen. Ich könnte mir vorstellen, er käme sich wie in einem Orkan vor, ja, ich könnte mir vorstellen, daß er seinen Arbeitsort gar nicht erreichen könnte.

Martin Liebscher quetscht und zerdehnt Hören, Sehen und Fühlen in ein kollabierendes Bild von Eigenbewegungen, welches das synästhetische Verstärkungssyndrom harmonisiert. Anders ausgedrückt: Die alltägliche" Schizophrenie", Gleichzeitigkeit von verschiedenen, ja, gegensätzlichen Abläufen komprimiert unter einen Hut zu bringen, führt an Schmerzgrenzen, für deren Visualisierung ein Duktus gefunden werden muß, der Normalität und Paranormalität in einen Einklang bringt. Martin Liebscher scheut die Ästhetisierung nicht, denn er produziert Realzeit als Metapher. Er sieht nicht, was das Kameraauge tut. Er handelt wie ein Medium. Die Schönheit seiner Arbeiten sind reine Konsequenz. Schönheit eines Wahnsinns, den wir uns vom Leibe halten, indem wir ihn wahrnehmungsphysiologisch zergliedern. Aber wehe, wenn er geballt auf uns eindringt.

 

Jean Christophe Ammann

in: Frankfurter Welle

 

 

 

1Andreas Bee. In: INSIDE OUT, Kunstverein Speyer/ Liebscherhaus Speyer, anläßlich der Vergabe des Hans-Purrmann-Preises für bildende Kunst der Stadt Speyer 1997 an Martin Liebscher
2 Das
Guiness Buch der Rekorde 1998, Guiness Verlag Hamburg, S. 154-155.


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