Michael Hierholzer:


C&L "Kunst " S.113ff, Ffm 1995
ISBN 3-928071-27-0

Die Fotografie gibt die Wirklichkeit wieder, wie sie ist: Diese Vorstellung hält sich hartnäckig. Immer wieder gehen jedoch Fotokünstler gegen sie an, zeigen, daß auch die Fotografie ein subjektives Medium ist, daß der Realismus der Kamera illusionären Charakter hat, weil er Zeit festzuhalten vorgibt, die nun einmal nicht fixiert werden kann Martin Liebscher, 1964 geboren, bringt mit seinen farbigen Panoramen Bewegung in die Fotografie und gibt damit der schlichten Tatsache Ausdruck, daß die Welt als zeitlich verfaßte kein Äquivalent im fotografischen Medium finden kann.

Der Fluß der Wahrnehmung, der Bewußtseinsstrom laßt Formen und Farben auf und abtauchen, bringt immer nur Teile zur Anschauung, rückt die Gegenstände in Perspektiven, die endlos wechseln und sie in der Wahrnehmung nie zu einem perfekten Ganzen werden lassen. So betreibt Liebscher eine Art experimentelle Phänomenologie, indem er vor Augen führt, daß das, was der Sehsinn dem Gehirn an Informationen liefert, aus einem ständigen Fließen herausgefiltert wird. Ein einfaches Ding läßt sich ebensowenig wie ein komplexer räumlicher Zusammenhang unmittelbar zu Bewußtsein bringen, sondern lediglich in einer Unendlichkeit von Abschattungen. Das Kameraauge Liebschers läßt sich auf unterschiedliche Orte ein, deren Ikonographie zum Teil bekannt ist, verschleift sie zu pulsierenden Szenarien, in denen der Beobachter immer Teil des Geschehens ist. Der Künstler setzt uns keine Wirklichkeit, keine geschlossene Form vor, sondern verflüssigt die fotografierte Realität, führt sie zurück in einen Aggregatzustand, der vor allem aus Benennen und Fixieren besteht. Liebscher, der an der Städelschule bei Thomas Bayrle und Martin Kippenberger studiert hat, rüstet Kameras in einer Weise um, daß sie panoramaartig Bewegung aufnehmen können.

Er bringt die Dinge abermals zum Trudeln, zum Tanzen, zum Taumeln und setzt sich so von einer weit verbreiteten Haltung bei jungeren Fotokünstlern ab, die sich als Sachwalter einer vermeintlichen Wirklichkeit verstehen und diese in ein rechtes, das heißt: objektives Licht zu setzen versuchen, sei es in der Architektur- oder der Porträtfotografie

 


 

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