Ulla Schmitz

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Begegnungsstätte
"Das längste Gruppenfoto der Welt"

(Fotoinstallation von Martin Liebscher)

Unter dem sensationsheischenden Titel "Rekordversuch - Das längste Gruppenfoto der Welt" präsentiert der Städel-Absolvent Martin Liebscher, Jahrgang 1964, zur Zeit sein jüngstes Werk, eine 30 Meter lange hintersinnige Fotomontage. Als Möbiusschleife in der Tat unendlich lang, reihen sich auf dem Bild pseudorealistische Szenen nahtlos zu einem irritierenden Panorama, schlagen Innen- und Außenräume ineinander um, dicht bevölkert mit Hunderten von menschlichen Gestalten - allesamt Liebscher-Klone. Was in diesen naturalistischen Raumgebilden auf den ersten Blick etwa als typische Frankfurter-Zeil-Szene mit Bankern, Pennern und eiligen Passanten anmutet, entpuppt sich als die perfekte Täuschung, immer ist es der Künstler selbst, der in alle Rollen und Kostüme schlüpfte. Eine Welt voller Liebschers.

Doch nur zum Schein geht es hier um vordergründige Gags und das Marktgeschrei eines Nachwuchskünstlers. Ein halbes Jahr harter Arbeit steckt in diesem wie leichthin inszenierten Spiel mit Schein und Wirklichkeit. Ausgangspunkt waren zunächst einzelne Tableaus, wie sie ähnlich schon in Liebschers "Familienbildern" (Liebschers Gute Fotobücher 2) zu sehen waren. Die dort erzählten Szenen aus öffentlichem und privatem Leben wurden immer weiter ausgebaut, in sich gespiegelt und miteinander verwoben, neue Illusionsräume angebaut. In Monitoren, in Rahmenflächen oder einfach wie an die Wände der Scheinräume geheftet sind Bilder aus Bildern des Bildes zitiert ... kurzum: Dem Betrachter eröffnen sich kurzweilige Entdeckungsreisen in diesem digitalen Kosmos.

Während in seinen früheren Arbeiten gelegentlich Passanten wie zufällig in den Hintergrund eingebaut sind, die Illusion eines Schnappschusses verstärkend ("Pech gehabt, da ist ihm einer durchs Bild gelaufen", siehe "Goethe in Wiesbaden", 1995), hat der Fotokünstler im "Gruppenbild" sorgfältig alle Nicht-Liebschers getilgt. Aufnahmen in der Frankfurter Innenstadt entstanden deshalb am Sonntagvormittag, wenn kaum jemand unterwegs war, und neben der unchristlichen Zeit hatte Liebscher noch mit einem technischen Problem zu kämpfen. Ohne Laptop und ausgerüstet mit einer APPLE Quicktake, deren Speicherchip nur acht Aufnahmen faßt, mußte er für jede Staßenszene mehrfach zwischen Atelierrechner und Drehort pendeln.

Übrigens hat sich Liebscher ohne Not dafür entschieden, mit gering aufgelösten Bilddaten zu arbeiten. Gerade die den gewöhnlichen Knipserbildchen nahekommende, gewollt schlechte Bildqualität seiner Photoshop-Montagen, so seine Erfahrung, löst den Eindruck des Authentischen aus. Die aus professioneller Sicht "hundsmiserable" Bildauflösung bildet alles gleich richtig und gleich schlecht ab, so daß der Übergang von Schein und Wirklichkeit perfekt wird. Man glaubt, etwas zu sehen - und weiß, es ist Täuschung.

Das heute noch vordringliche Bemühen der digitalen Fotografie, als Nachahmerin der klassischen Fotografie größtmöglichen Realismus zu erzielen, ist nach Liebschers Auffassung nur ein Übergangsphänomen, vergleichbar etwa den Anfängen der Fotografie. Ähnlich wie diese sich von der Malerei als deren Hilfsmittel emanzipierte, so werde sich auch die digitale Bildwelt bald als völlig eigenständiges Medium mit eigener Bildsprache und neuen Präsentationsformen etablieren. Wer den Künstler dabei beobachten durfte, wie dieser vor dem Monitor in Schweigen versunken durch den selbstgeschaffenen Liebscher-Space zoomt, zappt und navigiert, wird seinen seherischen Worten gerne Glauben schenken.

Bis zum März noch wird Liebschers Werk im engen Treppenhaus des Frankfurter Presseamtes am Römerberg installiert bleiben. Danach zieht das "längste Gruppenfoto der Welt" um in den Kölner Mediapark, um im soeben fertiggestellten Komed über dessen frei gehängte transparente Treppen aus Metallgittern und Glas zu mäandern und für zusätzliche Irritationen der Raumgefühls sorgen. Wer nicht schwindelfrei ist, dem sei alternativ ein Besuch auf Liebschers Homepage empfohlen. Unter http://www.liebscher.com warten in der globalen "Begegnungsstätte" drei Werkausschnitte darauf, auf heimische Rechner geholt zu werden, die - im Quicktime-Mode betrachtet - einen kleinen Einblick in diesen feinsinnigen Fotospaß gewähren.

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