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Frankfurter Allgemeine Zeitung
20.09.2006, Nr. 219, S. 50

 

 

Grüße aus Japan

Voges + Partner








 




Taumelnde Metropolen: Martin Liebscher in der Frankfurter Galerie Voges + Partner

Das hat sich der Dirigent vermutlich ganz anders vorgestellt. Zwar sind die Musiker rechtzeitig und vollständig versammelt, sitzen hier etwa die Geiger, dort die Cellisten, erhebt sich ein Männerchor im Hintergrund, und selbstverständlich und gerade wie es sich gehört, haut mit dem Pianisten auch der Star des Abends virtuos in seine Tasten. Doch niemand, so scheint es angesichts von Martin Liebschers Fotoarbeit "Suntory Hall", die derzeit in der Frankfurter Galerie Voges + Partner (Schweizer Straße 9) zu sehen ist, niemand ist wirklich bei der Sache oder hört auf sein Kommando. All die kleinen Liebschers, als die sich - wie stets auf den "Familienbildern" des Berliner Künstlers - die Protagonisten ausnahmslos entpuppen, folgen ihrem eigenen Taktempfinden und machen offensichtlich, was sie wollen.

Selbst im allgemeinen der Harmonie verpflichteten Ensemble gähnt lauthals der Tenor, während einer der Instrumentalisten in aller Ruhe noch die Partitur studiert; und als sei, was immer hier gespielt wird, ohnehin im Suff nur zu ertragen, hat ein offensichtlich eher irdischen Genüssen als himmlischen Orchesterklängen zugeneigter Liebscher unter seinem Stuhl gleich eine ganze Flasche Whiskey deponiert. Auf den Rängen streiten unterdessen die Konzertbesucher, jubeln, klatschen, kauen an den Fingernägeln, prosten sich ausgelassen selbst zu oder putzen sich geräuschvoll die verstopfte Nase. Und gleich daneben, auf den womöglich billigeren Plätzen, hat jemand ungleich Wichtigeres zu besprechen und telefoniert ganz ungeniert mit seinem Handy.

Allein einer unter den Konzertbesuchern ist von Herzen zu beneiden: Martin Liebscher, wer auch sonst, ist trotz des ganzen Durcheinanders tief und fest eingeschlafen. Freilich, Liebschers Inszenierung ist zwar immer reichlich komisch, ein egozentrisches Theater auch, kreist aber bei aller virtuosen Spielerei um existentielle und nicht zuletzt um das eigene Medium thematisierende Fragen. Doch während in den aus unzähligen Einzelbildern am Computer zusammengebauten Welten der "Familienbilder" die Einheit von Zeit und Ort augenscheinlich - wenngleich wider besseres Wissen - gewahrt bleibt, löst der 1964 in Naumburg an der Saale geborene Künstler derlei fotografische Gewißheiten in seinen "Panoramabildern" gänzlich auf. Frankfurt, New York und andere Metropolen sind die bevorzugten Motive dieser Werkgruppe, Städte mithin voller Tempo und Dynamik, wo hoch aufragende Vertikalen den Himmel mit entschiedener Geste teilen.

Wie in früheren Aufnahmen der Serie, so will es auch in den aktuellen, in Tokio entstandenen Fotografien scheinen, als zögen all die stürzenden Fassaden am Auge des Betrachters selbst vorbei. Nicht aber, wie man glauben könnte, Sequenzen eines Films verdichtet Liebscher zu diesen atemlosen Bildern, im Gegenteil. Den filmischen Effekt erreicht der Städelabsolvent, der bei Thomas Bayrle und Martin Kippenberger studiert hat, allein mit klassisch analogen Mitteln. Bei offener Blende kurbelt er den Film per Hand weiter, bewegt dabei zusätzlich die Kleinbildkamera und gelangt so zu seinen extremen Querformaten. Entlang von hier gestaucht, dort abstrakt und malerisch, dann wieder wie die Zeit gedehnt anmutende Passagen, taumelt endlich der Betrachter selbst auf Liebschers Spuren durch die Metropolen: mitten hinein in diese Bilder einer extrem beschleunigten Moderne. (Bis 28. Oktober, Dienstag bis Freitag 11 bis 18 Uhr, Samstag 11 bis 16 Uhr.)

schü.

Abbildungen:

Suntory Hall 2006

   
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