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Frankfurter Allgemeine Zeitung
19.11.2002, Nr. 269, S. 46



Martin Liebscher
Arbeitsplatz, 2002




 

Allein und doch in Gesellschaft
Künstlers Familienalbum: Martin Liebscher in der Galerie Voges + Partner


Manchmal möchte man sich vierteilen. Der Computer streikt, das Telefon klingelt, der Chef will irgendwas und der Kollege eine Zigarette rauchen, während man selbst hundemüde oder einem zum Heulen zumute ist und man am liebsten keinen Menschen sehen möchte. Martin Liebscher, dessen neue Arbeiten aus dem Zyklus der "Familienbilder" genannten großformatigen Fotografien derzeit in der Frankfurter Galerie Voges + Partner (Hanauer Landstraße 190) zu sehen sind, hat es geschafft. Er ist mit sich allein und doch in Gesellschaft. Dutzendfach tummelt er sich auf jedem seiner Bilder, telefoniert, gibt sich selbst Feuer, gähnt oder flucht, denkt nach oder ist gerade im Begriff, aus dem Fenster zu springen.
Im Atelier ist es vor lauter Künstlern, die nachdenken, Bier trinken, Abzüge begutachten oder am Computer über die Schulter schauen, so eng, daß einer mehr oder weniger kaum auffallen dürfte. Daß man dem fotografischen Bild nicht trauen kann, ist längst zum Gemeinplatz geworden. Doch darum geht es in den Bildern des 1964 geborenen Liebscher nur am Rande. Zu offensichtlich ist die am Computer erzeugte Manipulation, trotzdem alles bruchlos zueinander paßt. Eher schon sind es die Fragen nach der Identität des Künstlers, die der Fotograf ins Zentrum der "Familienbilder" stellt. Zwar sehen all die kleinen Liebschers auf einem Bild gleich aus, aber dieselben scheinen es nicht zu sein.
Das Ich ist stets ein anderer auf diesen Fotos, keiner ist mit seinem Gegenüber identisch, und doch mögen sie alle "Ich sein". Wer weiß das schon? Alle die Rollen, die das tägliche Leben dem Menschen abverlangt, Pflichten, Wünsche, Phantasien, Momente der Entspannung, der Konzentration und der Wut inszeniert der Künstler in einem Bild. In "Galaxie 500" etwa repariert er seinen Straßenkreuzer, liegt unter dem wieder einmal streikenden Auto oder lehnt sich lässig in seinem Cabrio zurück, spielt Cop und Gangster oder zündet sich lässig eine Zigarette an. Abgesehen von den bisweilen extremen Querformaten einiger Arbeiten ist der Unterschied zu den Großstadtaufnahmen seiner "Panoramabilder" auf den ersten Blick enorm.
Während er dort bei offener Blende den Film per Hand weiterkurbelt und die Kamera zusätzlich bewegt, gehen die am Computer zusammengesetzten "Familienbilder" von einer konkreten, unbewegten Raumsituation aus. Und doch wirken auch diese Arbeiten des in Berlin lebenden Städelschulabsolventen filmisch, scheinen sie die fotografische Gewißheit von Ort und Zeit gezielt zu unterlaufen. Nicht nur, daß die Anordnung der mit ihren Doppelgängern beschäftigten Liebschers den Blick durch das Bild führen, konzentrieren oder Raum lassen, so daß sich eine Szene an die andere reiht, als beginne immer wieder eine neue Geschichte, die ebenso wahr sein mag wie die vorhergehende. Auch der Ort des Geschehens, aus wenigen Einzelbildern montiert, scheint zu schwingen. Und während die Augen das Bild entlangwandern, vergeht tatsächlich die Zeit, ist der Himmel über Berlin eben noch blau, während auf der anderen Seite der Szene schon die Sonne untergeht, und zeigt die Uhr jedes Mal eine andere Zeit. Nur im Atelier des Künstlers ist die der Arbeit innewohnende Bewegung eine völlig andere. Alles Geschehen scheint sich unaufhörlich um eine Achse zu drehen. Dort, so denkt man, ist Familie Liebscher ganz bei sich. (Bis 21. Dezember Dienstag bis Freitag von 11 bis 18 Uhr, Samstag von 11 bis 16 Uhr geöffnet.)
schü.
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