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Martin Liebscher
Martin Liebschers Interesse und Leidenschaft gilt von jeher dem Bewegten. Als
Jugendlicher arbeitete er als Filmvorführer. Bei dieser Aufgabe müssen
Filmrollen gewechselt werden und man sieht die Zelluloidbahnen vorbeifahren, auf
denen abertausende Miniaturfotos aneinandergereiht sind, die im Fluß die Illusion
des bewegten Bildes vermitteln. Der Künstler, dessen Metier und Medium die Fotografie
ist, liebt alles Neue. Vom Mobiltelefon zur Kamera, von elektronischem Spielzeug
bis zum Notebook. Wenn andere ihr erstes Computerprogramm kaufen, hat er bereits
das dritte Update installiert. Das alles ist seiner spielerischen Lust am Ausprobieren
zu verdanken. Vor allem aber dienen ihm die elektrotechnischen Geräte und Teile
als Arbeitsmaterialien und Werkzeuge, mit denen er seine Ideen in Bilder umsetzt.
Martin Liebscher hat außerdem die wunderbare Gabe, Arbeit mit Annehmlichkeit
in Einklang zu bringen. Am besten wird dies bei seinen Ufo-Fotos deutlich, in denen
auch der leidenschaftliche Bastler zum Vorschein kommt. Bereits während seines
Studiums an der Kunsthochschule, begann Liebscher mit einer Serie von Plastikraumschiffen,
die er aus gebrauchten Einwegkameras zusammenbaute und grau spritze. Sie könnten
bedenkenlos als Modelle für Filme wie „Krieg der Sterne“ oder „Raumschiff Enterprise“
eingesetzt werden. „Diese fremdartigen Gebilde fotografiert er unter Zuhilfenahme
von Stock und dünnem Seil vor unterschiedlichen Landschaften der USA. Das Resultat
ist verblüffend: Flugobjekte scheinen über den Wolkenkratzern von New York
oder den Lichtreklamen von Los Angeles und Las Vegas zur Landung anzusetzen, geheimnisvoll
über Wüstenlandschaften, tiefen Schluchten und öden Landstraßen
zu schweben oder nach Roswell zurückzukehren, der Stadt, in der bereits Ende
der 40er Jahre eine fliegende Untertasse abgestürzt sein soll“ . Die Fotografien
von unterschiedlichem Format faßte er in billige Plastikrahmen und brachte
sie in Form der Petersburger Hängung an die Wand. In einer Galeriepräsentation
im Jahr 1998 fungierte zudem eine der romantischen Ufo-Aufnahmen in extremer Vergrößerung
als Tapete. Auf diese Weise entstand die Atmosphäre einer skurrilen Privatsammlung,
in der jemand Beweise für die Existenz von unbekannten Flugobjekten zusammengetragen
hatte. Liebschers Ufo-Fotos sind verblüffend. Niemandem zuvor sind in dieser
Deutlichkeit solche Aufnahmen gelungen. Ein kalter Schauer kann einem beim Anblick
über den Rücken laufen: SIE sind also da! Martin Liebschers Werk ist geprägt
davon, die Realität auf den Kopf zu stellen, sie uns in einem vertrauten Gewand
plötzlich völlig fremd erscheinen zu lassen – aber immer mit einem Augenzwinkern,
so daß wir mitlächeln können. Die Ufo-Fotos enttarnen sich nämlich
recht schnell als ein Fake. Zu offensichtlich ist die deutlich erkennbare Schnur,
an der die Plastikraumschiffe ins Bild gehalten werden. Schock und Verblüffung
verpuffen so schnell wie sie gekommen sind.
Die Idee und Ausführung der Fotoserie entstanden während eines längeren
Stipendienaufenthalts in Los Angeles. Viele Freunde besuchten ihn während seiner
Zeit an der Westküste, oft unternahm er mit ihnen Erkundungen des Landes, der
Städte und der Natur. Plastikufo, Schnur und Stange waren stets im Gepäck.
Wer mit Martin Liebscher einen Ausflug antritt, hat nicht nur das Vergnügen,
in seinem raumschiffartigen Auto mitzufahren, das sinniger Weise den Namen „Ford
Galaxie“ trägt, sondern er muß dem Künstler auch ab und zu als Raumschiffhalter
assistieren. Über die Botschaft der Fotos ließe sich eine ganze Reihe
von Überlegungen anstellen. Eines sollte man aber auf jeden Fall im Auge behalten:
„‘Die Welt wird nicht am Mangel an Wundern, sondern an der fehlenden Bereitschaft
zur Verwunderung zugrunde gehen.‘ (J.B.S. Haldane).“ ..
Natalie de Ligt 2004
1 Janneke de Vries. Frankfurter Rundschau, 17. Juni 1998
2 ebd. |
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