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Galaxie
500
Kunstverein
Technik Museum
Feuerbachhaus
Speyer
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18.12.2005 - 06.01.2006
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Katalog
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Eröffnungsrede von Dr. Natalie Acker
KUNSTVEREIN SPEYER
18. Dezember 2005

Verehrte Damen und Herren,
ist es nicht paradox, eine Ausstellung gleichzeitig an drei Orten zu eröffnen?
Ich hoffe, alle sind jetzt an den richtigen Ort, nämlich hierher in den Kunstverein
gekommen. Eigentlich hätte man ja mit einer Liveschaltung tatsächlich an
den drei Orten Kunstverein, Feuerbachhaus und Technik-Museum zugleich eröffnen
können. Sie haben sicher bereits die Familienbilder oder den Film mit den multiplen
Martin Liebschers gesehen. Haben Sie da nicht auch das Gefühl, er wäre
von uns allen der Einzige, dem es gelänge, an den drei Orten gleichzeitig aufzutauchen?
Spass beiseite.
Es ist nichts genuin Neues daran, eine Einzelausstellung an mehreren Orten stattfinden
zu lassen. Ich erinnere mich beispielsweise an Eberhard Bosslets Interventionen (übrigens
auch ein Purrmann-Preisträger wie Martin Liebscher), der seine Arbeiten an verschiedenen,
durchaus weit voneinander entfernt liegenden Stellen im öffentlichen Raum der
Stadt Speyer zeigte.
Unser heutiger Fall ist allerdings ein bisschen anders, und fast hätte ich gesagt
„typisch Liebscher“, aber das ist er nicht, denn er stellt auch im Werk Liebschers
eine Novität dar. Warum?
Im Mittelpunkt dieser Ausstellung steht, salopp gesagt, „Martins alter Schlitten“:
sein Ford Galaxie 500, ein Cabriolet Baujahr ’69. Daher der Ausstellungstitel: „Galaxie
500“. Soweit sogut. Da sich hier also alles ums Auto dreht, hätte ich die Rede
vielleicht besser an einen männlichen Kollegen abgeben sollen, der sich dafür
berufen fühlt. Nun, ich hoffe, es gelingt mir auch ohne Drehzahl-, Zylinderkopf-
und sonstigen Automobilfanatismus, Ihnen rein kunstwissenschaftlich sinnvolle Zusammenhänge
über die Arbeit und Vorgehensweise Martin Liebschers zu erläutern.
Zurück zur Neuigkeit von heute: erstmals also stellt Liebscher das Auto aus,
das ihm zuvor lediglich als Requisit für seine Familienbilder gedient
hat. Zudem nutzt er es - unsichtbar - als Transportmittel bei einigen Panoramafotos,
indem er aus dem fahrenden Auto heraus fotografiert.
Bislang war das Auto also entweder Teil des Herstellungsprozesses, oder, ähnlich
dem Künstler selbst, ein in dem von ihm geschaffenen virtuellen Welten unendlich
reproduzierbares Versatzstück (das klingt jetzt unliebsam, sieht aber in den
Bildern glücklicherweise nicht so aus). Und plötzlich taucht es heute selbst
in der Ausstellung auf! Was bitte soll es da, im Technik-Museum? Sollen wir einfach
nur seine technischen Bestandteile bewundern? Na ja, immerhin hat es 36 Jahre auf
dem Buckel und läuft immer noch. Das immerhin ist eine Leistung, die selbst
ich bewundern kann. Aber was hat das jetzt mit KUNST zu tun (und das soll es
ja wohl, denn es ist definitiv ein Teil der Ausstellung)? Nicht so viel, wie der
Naive glauben, und dennoch mehr, als der Kritiker wahrhaben möchte.
Halten wir erst einmal fest, was nicht ist. Wäre die Galaxie oder sollte
sie unmittelbarer Teil des künstlerischen Oevres sein, so hätte der Künstler
ja die Möglichkeit gehabt, sie zum Beispiel draußen vor dem Eingang des
Kunstvereins im Kulturhof abzustellen, als unmittelbaren Teil dieser Ausstellung
(ich nehme jetzt einfach mal an, dass das gegangen wäre...). Das hätte
man dann als klare Botschaft verstanden: banales Alltagsobjekt wird zur Kunst erklärt,
aha, das hatten wir schonmal, nämlich bei Marcel Duchamp. Der kaufte bekanntlich
ein Pissoir oder einen Flaschentrockner und stellte diese Gegenstände dann in
seine Ausstellung. Hier trifft das aber leider nicht den Kern: der Ort ist zwar ein
Museum, aber kein der freien Kunst zugetaner, sondern der Technik. Also was jetzt?
Kunst oder Technik, was sollen wir darin sehen? Am leichtesten wäre es, zu sagen,
ein Stück von beidem - nur, das Schubladedenken im Kopf sagt mir, ein „bisschen
Kunst“, das gibt’s leider nicht. Da muss man sich schon entscheiden: entweder - oder.
Mit Kunsthandwerk hat es ja auch nichts zu tun, schließlich ist es serienmäßig
produziert, ein Fabrikgegenstand.
Also frage ich: Wenn es nicht „nur“ Technik ist, aber wohl doch keine „Kunst“, hat
es dann womöglich etwas mit Kult zu tun?
Eine ganz ähnliche Art Kult ereignete sich doch im Anschluss an die letzte Papstwahl.
Kennen Sie die Geschichte, zu welch horrendem Preis der alte VW Golf, der vor vielen
Jahren einmal auf unseren heutigen Papst zugelassen war, bei Ebay versteigert wurde?
- Ja, so in etwa stelle ich mir Kult in diesem Zusammenhang vor.
Aber, so frage ich mich weiter, wenn das Auto Kult ist, ist Martin Liebscher dann
möglicherweise auch eine Kultfigur? „Echt?“, so fragt sich der Zeitgenosse.
Nein, nicht in echt, er ist es nur in seinen Bildern - ah, ich vergaß,
und in seinem ersten Film! Würde ich den Künstler jetzt überhaupt
nicht kennen, wäre ich versucht, das mit dem Kult ganz ernst zu nehmen. Aber
ich und ganz viele von Ihnen kennen ihn. Mit den Attitüden beispielsweise eines
Markus Lüpertz hat er überhaupt nichts gemein. Seine Distanz zu sich selbst
ist viel zu groß, ich werde im Verlauf nocheinmal darauf zurückkommen.
Was ich damit meine, ist, wie nur wir das mit dem Kult verstehen können, nämlich
ironisch - bedingt durch diese Selbstdistanz. Die beinhaltete Ironie erklärt
auch, weshalb man häufig schmunzeln muss bei der Betrachtung seiner Bilder.
Zusammengefasst: das Auto ist eine Art künstlerisch-ironisch gemeinter Kultgegenstand
und Martin Liebscher vervielfältigt sein Ego und damit scheinbar den Kult um
sich selbst, jedoch nur auf der Ebene seiner Kunst.
Betrachten wir im Folgenden die beiden großen Kategorien, an denen Martin Liebscher
nun seit gut zehn Jahren konsequent arbeitet: Familienbilder und Städtepanoramen.
Fangen wir mit dem technisch etwas einfacheren an. Das sind die Städtepanoramen,
die bis zu 10 Metern lang sein können. Für diese hat Martin eine Kleinbildkamera
so umgebaut, dass er mehrere Fotos in einem Zug hintereinander weg belichten kann,
wobei die Blende bis zu _ Minute lang geöffnet bleibt. Auf einen Film mit den
üblichen 36 Fotos (die wir so machen) passen dann etwa noch 4 bis 5 Liebscher-Panoramafotos.
Dazu kommt, dass er sich beim Akt des Fotografierens bewegt: er dreht die
Kamera um die eigene Achse, oder er schwenkt sie aus dem fahrenden Auto heraus. So
entsteht eine Mehrfachdrehung. Und was zeigen diese Bilder? Bewegte Verkehrsflüsse
oder Menschenströme in Großstädten wie Tokio oder L.A., Moskau und
Rom. Niemals zeigen sie die üblichen Touristenattraktionen, viel lieber aber
die Knotenpunkte des Verkehrs, ob auf Autobahnen, Rolltreppen oder Seilbahnen, fließender
Verkehr von Menschen oder Autos und anderen Verkehrsmitteln oder am allerliebsten:
alles zusammen. Auch gleichzeitig? Na ja, im Unterschied zu unserem ambitionierten,
jedoch unprofessionellen Schnappschuss, bei dem wir den Eindruck haben, tatsächlich
nur einen Sekundenbruchteil der Welt eingefangen zu haben, ist das bei den Panoramen
anders: sie sind deutlich länger, sie sind wie ein Foto, das gerne ein Stück
Film wäre. Schon wieder so eine paradoxe Mischung wie das Auto, das nicht
so recht in eine Kategorie passen wollte. Trennendes Kriterium ist hier eindeutig
die Zeit. Liebschers Panoramen wohnt mehr Zeit inne als einem üblichen Foto,
durch die Blende, durch die Geschwindigkeit und durch die längere Strecke, die
sie zurücklegen. Aber im Gegensatz zum Film, wo die Dinge sich mit der
ablaufenden Zeit bewegen, verwischt sich das Bewegte und das Unbewegte in Liebschers
Bildern. Ein besonders amüsanter Verfremdungs- oder sogar Umkehreffekt entsteht:
fahrende Laster erscheinen plötzlich verkürzt, da ihre Bewegung sozusagen
von der Drehbewegung beim Fotografieren „überholt“ wurde. Das Foto ist nicht
dazu da, die Welt abzubilden, wie unser Auge sie sieht, sondern das Foto nimmt das
Vorhande auf, um es entgegen rationaler und physikalischer Gesetzmäßigkieten
auf künstlerisch-experimentelle Weise neu zu betrachten.
Der künstlerische Wunsch, der hinter diesen Bildern steckt, ist nicht nur die
Verlängerung der Zeit, ein Stück des nicht abreißenden Stromes im
Medium Foto festzuhalten, sondern auch den Mono-Blickwinkel in die Rundumansicht
(darum der Panorama-Begriff) auszuweiten. Das Gesichtsfeld des Menschen erfasst vielleicht
einen Winkel von etwa 180 Grad, aber im Grunde ist Sehen immer die Fixation auf einen
einzigen Punkt, alles andere ist unscharf. In Liebschers Panoramen finden wir annähernd
360 Grad Rundumansichten, und wir finden eine kontinuierlich wechselnde Schärfe
von gegenständlich bis abstrakt. Liebscher führt uns damit vor, dass die
in der Malerei erfahrbaren Bildprinzipien der Moderne auch in der Fotografie nutzbar
sind.
Es gibt noch eine andere Art des Panoramas, nämlich das Familienbild,
das bis zu 30 Metern lang sein kann. Es besteht aus unterschiedlich vielen digitalen
Einzelaufnahmen (ich glaube, bis zu 500), die im Computer ausgeschnitten und „gesampelt“
(neudeutsch für zusammenmontiert) werden. Dabei kann der Raum, in dem sich die
Objekte befinden, wie eine Hintergrundsfolie fast unverändert bleiben, wie zum
Beispiel in dem Motiv der Einladungskarte. Wie man dort auch sehen kann, werden nicht
nur Personen, sondern eben auch Gegenstände wie das Auto gesampelt. Das führt
nebenbei dazu, dass man unter dem Begriff Familienbilder den Eindruck gewinnt, auch
das Auto sei Teil der Familie - also, bei einigen Leuten kann ich mir das ganz gut
vorstellen, dass es diese Art vermenschlichte Beziehung zum Auto gibt... erinnern
Sie sich an den Film „Herbie - ein toller Käfer“, wo das Auto zu einer Art Lebewesen
mutierte?
Es gibt aber auch Familienbilder, bei denen sogar der Bildraum, in dem sich die Objekte
bewegen, verändert wurde. So zum Beispiel im Bild „Galaxie 500“ aus dem Jahr
2002, bei dem Liebscher von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang ein verlassenes Bahngelände
fotografiert hat und die Einzelfotos derart zu einem neuen Bildraum zusammenfügt,
dass ein surrealer, wie unsere Erdkugel gewölbter Bildraum entsteht. Dabei bindet
er unterschiedliche Perspektiven ein und flicht sie zu einer Ebene zusammen: so entsteht
im Digitalfoto ein Bildraum, wie ihn die Kubisten vor etwa 100 Jahren erstmals in
der Malerei eingeführt haben. Ungleichzeitiges wird gleichzeitig erfahrbar.
Und das ganz genauso in der Multiplikation seiner eigenen Person oder des Autos.
Was ursprünglich nacheinander passierte, geschieht nun in ein und demselben
Augenblick. Und, was man von verschiedenen Standpunkten aus sehen konnte, ist nun
von einer Warte aus zu sehen. Erneut verzichtet Liebscher auf die Zentralperspektive
zur Strukturierung seines Bildraumes.
Damit nicht genug - Liebscher geht noch weiter. Betrachten wir sein neues Video
„Mitfahrgelegenheit“. Nur zu gern schlüpft er - gleichzeitig - in verschiedene
Identitäten, indem er sich unterschiedlich kleidet und verschiedene Rollen in
ein und demselben Handlungsstück einnimmt. Hier wird deutlich: es gibt nicht
nur den Zeitraffer-Liebscher, sondern auch den verfielfältigten, geklonten Liebscher.
Eine Vorstellung, die nach Klonschaf Dolly und den ersten, wie ich hörte, erfolgreich
geklonten Pferden, nicht mehr so fern ist, wie wir es gerne hätten.
Liebscher selbst sagt dazu, es sei eine schreckliche Vorstellung, eine Welt voller
Liebschers, geradezu grausam. Damit wird deutlich, dass es sich eben nicht um
den Egotrip eines selbstverliebten Künstlers handelt (zu Beginn schon erwähnt).
Auch sagt er: „die Bilder wären schrecklich, wenn ich Model wäre...einfach
unerträglich“.
Also: geht es ihm nicht um irgendwelche Eitelkeiten bezüglich der eigenen Person.
Er selbst sagt, er hätte genauso jemand anderen als sich nehmen können,
er hat es sogar schon versucht, aber es hat nicht funktioniert. Weshalb? Er sagt,
„weil dann so eine Schauspielerei anfängt“. Ich glaube, dass genau die nötig
ist, aber nicht jeder ist eben auch ein wirklich guter Schauspieler. Dagegen bewundere
ich in der Tat die schauspielerische Leistung von Martin. Wer den Film über
ihn in ARTE gesehen hat, kann das noch mehr nachvollziehen. Wie er ungeniert, stundenlang,
vor seinem Selbstauslöser in die allerunterschiedlichsten Posen, Temperamente
und Charaktere schlüpft, tut mir leid Martin, dass ich das jetzt so sagen muss,
aber Du bist nach meiner Ansicht ein absolut geeigneter, weil sehr guter Schauspieler
für Deine Bilder. Mein Kompliment! - womit wir doch wieder mittendrin im Thema
Kult gelandet wären, oder etwa nicht?
Soviel zu den Bildern, die hier zu sehen sind. Nur noch einige klärende Sätze
zu den Werken, die Sie im Feuerbachhaus sehen können. Es handelt sich
da um die Serie der „UFO’s“: Unidentified Fotografic Objects (nicht Flying
Objects); das ist ein Sprachspiel Liebschers, das seinen in ganz vielen Arbeiten
deutlich zu erkennenden Humor bei der künstlerischen Arbeit offenbart.
Zu sehen ist auf jedem Bild eine Art „UFO“, das vor einer meist sehr bekannten Städtekulisse
wie Frankfurt oder New York heranschwebt. Nach dem Klonen also schon wieder so ein
Szenario, „Hilfe, die Ausserirdischen kommen!“ Doch diese Szenerie kann - welch’
Erleichterung - voll dem Bereich Science Fiction zugeschlagen werden (es sei denn,
jemand glaubt fest an die Marsmännchen, soll’s ja geben...). Was allerdings
in diesen Fotos nach komplizierter HighTech aussieht, ist in Wahrheit recht simpel
entstanden: das UFO-Modell hat Liebscher aus Einwegkameras zusammengebastelt. Er
hängt es dann an einem dünnen Bindfaden vor das Bild, das er mit einer
„ganz normalen Kleinbildkamera“ knipst. Geradezu enttäuschend einfach steht
es hier um die Technik, ja, das hätten wir wohl auch gekonnt.
Jedoch - das Gesamtergebnis spricht für sich: bei keinem von uns würden
sich diese Bilder in ein Oevre einfügen, das ein derart subtiles Beziehungsgeflecht
aus Futurismus, Kubismus, Science Fiction, Ironie, Humor und, wie er selbst so schön
sagt, „raumbezogener Besessenheit“ besitzt.
Lieber Martin, in den letzten gut 10 Jahren hast Du konsequent, und mit großem,
auch schon internationalem Erfolg an den heute gezeigten Werkserien gearbeitet. Wir
sind gespannt, auf welche Ideen und zu welchem Ergebnis Dich Deine raumbezogene Bessenheit
noch führen wird. Hauptsache, Du bleibst immer ganz Du selbst - der echte, der
unnachahmliche und „einzig(artig)e“ Martin Liebscher.
Vielen Dank. |
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