Verwischt, verzerrt, gestreckt, gestaucht: Liebscher-Panoramen bei Cato Jans

Hamburger Abendblatt, 13.03.2001

wj Hamburg - Draußen rauschen die Züge vorbei. Drinnen sind sie zum Stillstand gekommen. Auf einer Länge von neun Metern haben sich in der Galerie Cato Jans Tokioter Bahnhöfe und Straßen (Foto) breit gemacht. Ein Panorama ganz besonderer Natur das der Künstler Martin Liebscher hier hingezaubert hat. Denn hier ist alles verwischt, alles verzerrt, alles gestreckt und alles gestaucht. Ein Bildrausch in Zeit und Raum, der an die Verformungen von Zielfotos erinnert.
Liebschers Fotos eint nur wenig mit klassischen Panoramen. Schon der Technik wegen. Statt einer Panoramakamera benutzt der Berliner Künstler eine manipulierte Kleinbildkamera. Die schwenkt er im Kreis, während er gleichzeitig am Filmspulknopf dreht. Das Ergebnis sind Negative mit einem Platzbedarf von bis zu zehn Normalformaten und ein Ausschuss von mehr als 90 Prozent. Entsprechend gestückelt auch die Positive. Ein Panorama von Liebscher setzt sich immer aus mehreren Teilen zusammen. Überwiegend in Tokio, aber auch in New York und Frankfurt, entstanden die jetzt ausgestellten Panoramen. Liebscher bereist die Großstädte, lässt sich in den Sog ihrer Geschwindigkeit und Hektik ziehen, um mit seinen eigenen Körperdrehungen darauf zu antworten. So erzeugt Bewegung Gegenbewegung, die in seinen Panoramen zum vorläufigen Stillstand kommt. Wellen durchziehen ihre Oberfläche, Striche geben einen undefinierbaren Zeitrhythmus vor, in dessen Takt sich Passanten, Autos, Häuser und Straßen zu einem schier endlosen Bilderfluss vereinen. Liebschers Breitwandfotos wirken wie Friese einer Gegenwart, deren Zeit und Raum sich in permanenter Auflösung befinden.
Die Liebe zum Extremformat hat Martin Liebscher schon früher zu einigen Höhenflügen getrieben. 1998 konnte er sich sogar in das Guinness-Buch der Rekorde eintragen. Damals hatte er das längste Gruppenbild der Welt zusammengestellt. Genau genommen aber war es ein Selbstporträt. Der Herr der Extremformate hatte sich digital selbst geklont und bei allen möglichen Spaßaktivitäten abgelichtet.
(Klosterwall 13, bis 12. 5.: Martin Liebscher - 380; di-fr 10-12 u. 14-18, sbd 14-16 Uhr internet: www.m-liebscher.de)