Stadt-Tage, Stadt-Nächte - Bilder aus der Kälte


Mannheimer Morgen, 7.09.2000


Ludwigshafener Kunstverein zeigt Arbeiten der beiden Fotografen Martin Liebscher und Rut Blees Luxemburg


Der große Saal ist ungewohnt leer. Keine Stellwände, keine Objekte im Raum, dafür ringsherum an den Wänden großformatige Fotoarbeiten von seltsam beklemmendem Ausdruck - Menschen sind nicht oder nur flüchtig erkennbar, die abgelichteten Orte, soweit sie sich überhaupt identifizieren lassen, verbreiten eine fast gespenstische Hoffnungslosigkeit. Dennoch: man sollte sich nicht gleich abschrecken lassen. Der Kunstverein Ludwigshafen setzt mit der neuen Ausstellung im Reichert-Haus sein Fotografie-Programm fort. Noch dazu sind der Speyerer Martin Liebscher und die aus Trier stammende Rut Blees Luxemburg, die heute in London lebt, mit unserer Region verbunden, wenn die sich auch kaum in ihrer Arbeit widerspiegelt. Liebscher wurde durch seine Beschäftigung mit der skurrilen „Liebscher-Family" überregional bekannt - mittels geschickter Manipulationen fertigt er abenteuerliche Gruppenfotografien, auf denen niemand als immer nur er selber zu sehen ist. In Ludwigshafen ist nun eine andere Werkgruppe von nicht geringerem konzeptionellem Anspruch zu sehen. Die extrem schmalen, langen Bildstreifen im rechten Teil des Ausstellungssaals, auf denen außer Bewegungsunschärfen kaum etwas zu erkennen ist, stammen aus Tokio. Die besinnungslos ratternde Hektik der brodelnden Metropole fing Liebscher mit einer billigen, alten Kleinbildkamera ein: „Von Zeit zu Zeit holt er, oft ohne dass man es merkt, die Kamera aus der Tasche, zieht sie in leichtem Schwenk und während er den Film manuell weiter dreht kurz durch die Luft und steckt sie wieder ein", berichtet Kunstvereinsleiterin Barbara Auer, „erst im Atelier kann er feststellen, ob die Belichtung seinen Intentionen entspricht. Natürlich ist das meiste Ausschuss." Der fand in die Ludwigshafener Schau keinen Eingang. Die so zustande gekommenen Fotografien transportieren eindrucksvoll das von Geschwindigkeit und atemlosem Vorwärtsdrängen getriebene Lebensgefühl der Megastadt. Sie verlieren bei längerem Hinsehen sogar etwas von ihrem anfänglichen Sehrecken, weil der Ausdruck menschen- und lebensfeindlicher Impulsdichte zurücktritt hinter der Ästhetik zuckender Farben und heller Längsstreifen, die die extremen Formate etwas stabilisieren. Verzerrt, verschoben, verwischt wie durch schnelle Fahrt erkennt man dann auch menschliche Figuren, halbe Gesichter, schwingende Hochhaus-Geschosse, verbogene Zebrastreifen und Lichtreklamen, die das Auge wie fern sich verdichtende Schaumflocken in die Tiefe ziehen.


Dies sind die Szenen des Tages. Rut Blees Luxemburg hat sich im linken Teil des Ausstellungssaales den Szenen der Großstadt-Nacht gewidmet, mit völlig anderen Mitteln - und überraschend ähnlichem Ergebnis, was die Unmöglichkeit menschenwürdigen Lebens betrifft. Ihre Ansichten des nächtlichen London sind menschenleer und von einer Trostlosigkeit, dass man davonlaufen möchte. Sie nahm sich gerade nicht die pulsierende City vor, sondern das East End. Sie bringt keinerlei Bewegungselemente in die Aufnahmen, sondern belichtet lange und ruhig. Und kommt dabei zu einer mit Liebscher vergleichbaren, erschreckenden Unwirklichkeit.
Eingekeilt zwischen unsäglich kahlen Fassaden liegt ein grell beleuchteter Tennisplatz auf einem Flachdach. In der kleinen Serie „Liebeslied" hält das Auge inne auf schmuddeligem Treppenabsatz zwischen Betonwänden. Die Tür eines auf der Fahrbahn abgestellten Containers ist offen und lässt innen einen abgewetzten Stuhl und ein vergammeltes Tischchen erkennen - Lebensraum? Auf „Orpheus' Nachtspaziergang" wird der Blick zwischen bronzefarbenen Türen ins Innere einer von blauem Licht erfüllten, schmierigen Toilettenkabine gezogen. Rut Blees Luxemburg gelingt über die ästhetische, oft von kostbaren Goldtönen dominierte Farbgebung eine verstörende- Ambivalenz des Ausdrucks. Insofern vermitteln beide Künstler Erfahrungen, auf die man nicht verzichten sollte.


Mannheimer Morgen, 7.September 2000
von Christel Heybrock