GABRIELE WEINGARTNER

WIE DIE KUNST LEBEN WIRD UND DAS LEBEN KUNST

Die Rheinpfalz 28.02.1997




Der Speyerer Künstler Martin Liebscher hat eine Wohnung zur Gedenkstätte gemacht, dafür ist der Kunstverein jetzt eine Wohnung

Kunst ist Leben, Leben ist Kunst, das Leben scheint ein Roman... Es gibt unzählige dieser Umkehrsprüche. Aber niemand, niemand tut, wozu sie doch eigentlich dringend auffordern. Außer vielleicht Martin Liebscher. In der Pfalz wenigstens. In New York mag es von der Sorte noch mehrere geben. Liebscher jedenfalls gründete in Speyer eins, fix, drei, seine eigene Gedenkstätte und taufte sie "Liebscher-Haus", was in der Stadt, wo er einst für's bürgerliche Leben zugerichtet" wurde, mit Sicherheit einen eigenen Reiz absondert. Und da Kunst L.eben ist und Wohnen natürlich auch, wenn man es weniger existentiell betrachtet, konnte er zu diesem Zweck sogar zwei Freunde überreden, ihm ihre darin angestammte Wohnstatt zu überlassen. Zum Kunst-lnterim sozusagen.
Dafür sind die beiden für die Dauer der Ausstellung kurzerhand ins Blaue Haus, dem Sitz des Speyerer Kunstvereins, umgezogen. Im schönen Umkehrschluß. Und wohnen da nun, mit Sack und Pack, und dürfen, falls dies irgendwer wünscht, gleichfalls als lebendiges (Wohn?)-Kunstwerk konsumiert werden. Die wahren Kunstkenner und die Ironiker unter ihnen sollen allerdings in erster Linie das neugegründete Liebscher-Haus besuchen, in der so passend verhuscht und flüchtig klingenden Hasenpfuhlstraße 46, wo sich der Purrmann-Preis-Träger des Jahres 1996, durch seine spektakulären Foto-Trips ohnehin für Unkonventionelles gut, erst einmal eingenistet hat.
Mit allem wohl, was ihm wichtig erschien: mit den übrig gebliebenen oder vom Speicher geholten, gemalten, gezeichneten und fremd-fotografierten Bilder-Resten seiner Kindheit, mit jedem Schnipsel und jedem Stein und jedem Ingredienzlein, das ihn während seines jungen Lebens mal mehr oder weniger deutlich als Künstler konstituierte. Es spricht für den Speyerer Kunstverein, daß er sich auf Liebschers Lebens-Kunst-Experiment einließ.
Es spricht aber auch für die naive, so überaus werbewirksame und doch so anrührende Egozentrik des experimentellen Bilder-Machers mit der Lochkamera, daß er nun seine Künstler-Vita, verknüpft mit seiner persönlichen Biographie, zum kurzlebigen Konzept erhebt. Das macht die Zufälligkeit ihrer Entstehung deutlich. Auf der einen Seite. Aber auch die zwingende Logik, sich so und nicht anders zu entwickeln, wie sich Martin Liebscher nun im nach ihm genannten Haus vor- und darstellt.
My home is my castle, um bei den Sprüchen zu bleiben. Und: die Kunst muß man nicht unbedingt im Kopf behalten, man kann ihr auch eine Wohnung suchen, die kein Museum ist. Ein Haus besser gesagt und dazu noch eine Homepage im Internet: aufzurufen unter http:/www. speyer. de/museen.
Daß die Kunst ein Spiel ist, darauf legt Liebscher ohnedies Wert, wenn man ihn fragt. Er wird auch kein bißchen rot darob, daß er sich im Internet schamlos an den Früchten der eigentlich vom Louvre oder der Biennale in Vendig entwickelten Programme labt und ihnen gleichsam sein eigenes aufpropft.
Gänzlich gelöscht hat er sie nicht, und das macht es für die Surfer im Net, die das Speyerer "Liebscher-House" finden wollen, nicht leichter. Aber für solche Maskeraden war der Low-TechFreak immer schon zu haben, vorzugsweise der computer-generierten Ausgaben von sich selbst in fiktiven Arbeitszusammenhängen oder auf Spaziergängen durch fotografisch unendlich verlängerte Straßen und Plätze. Schon als Kind hatte er ja auch was übrig fürs Leichte, zeichnete die lustigsten Comics (wirklich begabt) und als Erstklässler einen sowjetischen Kosmonauten, blau gewandet und von gelben Sternen umkreist, sowie immer wieder sich selbst, wie Janssen, wie Lovis Corinth, bloß nicht so gut, weil er das Zeichnen irgendwann nicht mehr weiter verfolgte. Dafür band er sich ein riesiges, aus lauter Einweg-Kameras gebasteltes UfoUnding vor einen Stock, lief durch Londons Vororte und fotografierte gleichzeitig, wie die Riesen-Krake durch die Straßen flog. Das große Farb-Bild in der Diele des Liebscher-Hauses legt jedenfalls nahe, daß Außerirdischen existieren. Aber was lehrt uns das alles? Gewiß nicht, daß ein Künstler "schöner wohnt", denn mit ästhetischen Problemen hält sich der Konzeptualist seiner eigenen Vita nicht auf. Eher, wie einer mit seiner Biographie umgeht, sie verfremdet und sich dabei selbst auf die Schliche kommt. Sie mitschleppt wie ein Haus oder eine Reliquie. Oder wie einer spielt und spielt, daß daraus ein ganzer Kosmos entsteht, in den auch andere Leute integriert werden können.
Im Frankfurter Presseamt hängt derzeit ein sich über mehrere Stockwerke erstreckendes Lang-Foto, mit dem Liebscher hofft, ins Guiness-Buch der Rekorde zu kommen. Poeten schreiben dafür Langgedichte und Bäcker backen Baumkuchen. Keiner von ihnen aber ist schon auf die Idee gekommen, zu Lebzeiten ein Haus nach sich zu benennen.

 

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