Tosende Metropole, verlassene Vorstadt

Die Rheinpfalz, 7.09.2000


Ludwigshafener Kunstverein zeigt Arbeiten der beiden Fotografen Martin Liebscher und Rut Blees Luxemburg


Die vorbeihastenden Menschen wirken seltsam undeutlich, verzerrt. Auch die Häuserfronten scheinen in Bewegung, Fensterbänder, Reklameschriften, Zebrastreifen, alles in einem tänzerischen Taumel. Einstürzende Neubauten. Das Auge des Betrachters sucht Halt, klammert sich an Details, schweift irritiert umher. Dann versteht man: Es geht nicht um die kaum erkennbaren Häuser, Menschen, Straßen, sondern um die Dynamik des Ganzen, den Moment der Bewegung, der das Leben der Metropole ausmacht
Das beschriebene Foto stammt von Martin Liebscher, es entstand an Shinjuku Station in Tokio, aber das ist nicht wichtig. Die Aufnahme könnte auch in New York, Hongkong, Los Angeles oder Berlin entstanden sein, wo sich der Fotograf in den letzten Jahren für jeweils längere Zeiträume aufgehalten hat. An all diesen Orten sucht Liebscher nach dem Ausdruck urbanen Lebens. Statt geduldig durch den Sucher zu blicken, jagt er der Realität mit einem entschlossenen, halb zufälligen Schwenk hinterher. Dazu benutzt er eine simple Kleinbildkamera, umgebaut und mit einer Vorrichtung ausgestattet, die es erlaubt, im Augenblick der Aufnahme den Film weiterzudrehen. Auf einem Negativstreifen, wo normalerweise vier oder fünf Einzelbilder Platz finden, entsteht so eine panoramaartige Sequenz, eher eingefrorene Filmbilder als herkömmliche Fotografie. Der Moment der Aufnahme geht rasend schnell, die Motive lassen sich nur vage anpeilen, erst die Dunkelkammer offenbart, ob das Ergebnis zur Vergrößerung taugt oder'- wie meistens - weggeworfen wird.
Ähnlich wie der I964 in Naumburg geborene, in Speyer aufgewachsene Martin Liebscher erkundet auch die aus Trier stammende Rut Blees Luxemburg den urbanen Raum. Er Zielgebiet ist das Londoner Eastend, ein he runtergekommenes Viertel, wo der Wohnraum trotz beginnender Sanierungswelle noch billig ist und die Junge Britische Kunst ihre Keimzelle hatte. Hier lebt die 33-jährige Fotografin, hier kennt sie sich gut aus. Für ihre Aufnahmen ist das wichtig, denn anders als Liebscher stürzt sie sich nicht blind ins Gewühle der Straßen und U-Bahnstationen, sondern entdeckt die heimlichen Winkel, vergessenen Ecken, leeren Plätze. Zumindest bei Nacht ist das so, wenn die Fotografin an den zuvor ausgewählten und genau erkundeten Orten ihre Aufnahmen macht. Mit Belichtungszeiten von mehreren Minuten entlockt sie der Nacht ihr Licht und ihre Farbe. Vor allem der Glanz der Gold- und Rottöne, der hier ganz überraschend zum Vorschein kommt, verleiht diesen verlassenen, verfluchten Orten etwas Verzaubertes. Der schlammige Abgang zum Themseufer, der verregnete Busparkplatz oder der verlassene Wohncontainer scheinen ein Geheimnis zu bergen, das nur die Menschen kennen, die diese Orte längst verlassen haben. Zu sehen sind diese Menschen nicht mehr, nur zu erahnen hinter den erleuchteten Fenstern, die wie Leuchtzeichen in die Nacht strahlen.
„London - A Modern Project" und Liebeslied" nennt Rut Blees Luxemburg ihre in Ludwigshafen gezeigten Werkgruppen. Eine Metapher dunkler Lyrik ist für sie die nächtliche City, ein Ort der Stille, des Todes vielleicht. In der Ausstellung gibt das einen spannenden Kontrast her zu Liebschers fotosequenzen, wo es sehr lebendig zugeht und laut, das Getöse der Großstadt sich keine Pause zu gönnen scheint.


DIETRICH WAPPLER