Beate Steigner-Kukatzki

in Speyerer Tagespost, 28.02.1997


Ironie als Weg zum Verständnis der Welt

Purrmann-Preisträger Martin Liebscher mit eigenwilliger Ausstellung im Liebscher-Haus


Nur eins hätte ein großes Museum perfekter organisiert: Wegweiser auf den Straßen. So sah man nun am Eröffnungsabend Radfahrer und Fußgänger die Hasenpfuhlstraße hin- und herpilgern und nach dem Liebscher-Haus fragen. Hätten sie doch besser vorher im Internet auf der Homepage Speyer nachgesehen (http://www.speyer.de/museen). Dort gibt es nicht nur Informationen zum Anfahrtsweg, sondern auch zum Haus selbst und zum Künstler Martin Liebscher.
Er hatte an alles gedacht. Von weitem grüßt eine Fahne mit dem "Hauslogo" aus dem Fenster im ersten Stock. Dort in einer Drei-Zimmer-Privatwohnung befindet sich für die nächsten vier Wochen Martin Liebschers Privatmuseum. Die Bewohner selbst wohnen mit ihrer kompletten Einrichtung für diese Zeit in den Räumen des Kunstvereins. Sämtliche persönliche Wohnspuren wurden beseitigt und die Wände frisch getüncht. Privates bringt nun Liebscher mit seinem "Re-Import" in die Räume. "Maßt sich an", seine eigene Retrospektive zu präsentieren. Von Kinderzeichnungen über Kunst in der Manier Horst Janssens bis hin zu abstrakten Collagen. Allesamt nicht schlecht und gleichsam eine Antwort auf die (überflüssige!) Frage: Kann der auch "richtig" malen? Aber das ist nicht seine Welt.
Den Purrmann-Preis und diese Ausstellung des Kunstvereins Speyer zu seinen Ehren bekam Martin Liebscher für seine großformatigen Fotos. Filmartige Fotografien und digital manipulierte Fotografien. Er selbst ist x-fach multipliziert. Er kommuniziert mit sich und führt die "Familienbilder" damit ad absurdum. Liebscher zeige Aspekte des Zeitgeistes und zeichnet sich durch formale und technische Perfektion aus, erklärte Bürgermeister Hanspeter Brohm zur Entscheidung der Jury. ,.Die Idee die Ausstellung zum ersten Mal nicht in den Räumen des Kunstvereins durchzuführen, und eine Verschmelzung und Veschleifung von privatem und öffentlichem Raum zu bewirken, stammt e von Liebscher", erklärte Dr. Cornelia Vagt, die Vorsitzende des Kunstvereins. Nicht nur damit überlistete der Städel-Meisterschüler die Verantwortlichen. Seine gesamte Kunst trickst aus und verblüfft. So bezeichnet es Dr. Nathalie Püttmann - vom Vorstand des Kunstvereins in ihrer Eröffnungsrede. "Ist es nicht völlig vermessen und größenwahnsinnig, wie uns dieser 32jährige hier zum Narren hält" fragt sie und gibt gleich selbst die Antwort: "Nein". Ironie ist Liebschers Hauptstilmerkmal und zum Verständnis der Welt nicht das schlechteste Mittel. Ironisch bis zynisch sind die Arbeiten in Zusammenarbeit mit seinem Künstlerkollegen Lehanka. Mit diesem l,spielte'' er Krieg und gründete eine imaginäre Schifffahrtsgesellschaft mit eigenem Kalender, Schiffsmodellen und den unverzichtbaren Streichholzschachteln als Werbeträger. Die unwichtigen Komponenten sind perfekt durchorganisiert. Die ganze Ausstellung zeigt eine humorvolle, bis ins Detail stimmende Gesamtkonzeption.
Den Gipfel der "Unverfrorenheit" erreichte Liebscher mit der "Eigenkrönung" zum Direktor. Sein Porträt erscheint im Internet und in seiner Kunst selbast, ihn gibt es sogar als Aufkleber. Die vielen Besucher der Vernissage standen so eng, daß gerade so noch eine Bierflasche in ihrer Hand mit dem Aufkleber "Liebscher Spezial" dazwischen paßte.


Beate Steigner-Kukatzki

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