Arnd Wesemann

Frankfurter Rundschau, Ostern 1996


Gesampelter Schwindel

Wunder der Manipulation oder digitale Fotografie etabliert sich als Kunstform


Nichts im Leben ist echt. Auch in der Kunst nicht. Die Welt ist eine Inszenierung und das Streichholzbriefchen mit der Aufschrift "Liebscher-Lehanka-Personenschiffahrt" gehört zu den besonderen Kleinodien, die sich Frankfurter Kunstliebhaber aufheben, denn eine solche Schiffahrtslinie hat es nie gegeben und wird es auch nie geben. Reklame ist alles und das Werk ein Nichts. Martin Liebscher, Frankfurter Künstler und Teilhaber jener Schiffahrts Unternehmung, schrieb mir kürzlich einen Brief, in dem er von einer Zeitschrift namens Frontpage berichtet ("erhältlich bei Tengelmann"), weil in ihr kein einziges Foto so gedruckt wird wie es einmal aufgenommen wurde. Dazu legte er ein Bild von sich bei, aufgenommen mit einer gewöhnlichen Kleinbildkamera im Hamburger Hafen.
Herr Liebscher, wie haben Sie denn das gemacht? Die wunderbare Personenvermehrung auf einer unbekannten Schiffahrtslinie verdankt sich einer Tatsache, die auch kaum einem Amateurfotografen entgangen sein dürfte: In fast jeder Dunkelkammer steht mittlerweile ein Computer, von dem anzunehmen ist, daß dieser selbst eine Dunkelkammer ist, eine Black Box, denn niemand weiß was für eine Operation so ein Siliziumchip gerade durchmacht, während der Bildschirm ein Foto abbildet, das vollkommen und oft vollkommen blödsinnig manipuliert werden kann.
Schon hört man von Symposien, die gegen diese Bilderfälscher klagen. In einer jüngeren Pressemitteilung heißt es: »Jedes Bild, jede Repräsentation ist jetzt ein potentieller Schwindel ... Das fotografische Bild wird vom Computer versklavt" aber kein Wort von der Fotografie die notwendig das Dünkel braucht, eine Art Geheimnis auch, damit sie überhaupt irgendetwas belichten kann. Schon die ersten Amateurfotografen bekamen von George Eastman einen Fotoapparat mit nur einem Knopf, dem Auslöser. Die Kamera wurde, wie heute wieder die Einwegkamera, als Ganzes dem Hersteller zurückgesandt-die perfekte Black Box: Eastman (Kodak) erfand nicht nur die Jedermannkamera, sondern erklärte auch den Nutzer für unmündig: Der bestimmte den Ausschnitt, die weitere Manipulation des Bildes fand in der Dunkelkammer statt.
Solche Manipulationen geschehen heute digital. Anders als bei den wunderbaren manipulierten Fotomontagen aus der Zeit des Dadaismus, von Man Ray, Max Ernst, Hans Bellmer, Andre Breton, ist heute die Manipulation nicht mehr am Bild selbst, sondern allein durch den Verstand zu erkennen. Auch Liebschers Portrait zeigt mehr das Verfahren der Manipulation, nur noch die Manipulation als solche. Hier geht eine Ära zu Ende, deren Fortsetzung derzeit in der Wanderausstellung Fotografie nach der Fotografie zu sehen ist.
Sie zeigt das heutige "Technobild&laqno;, das seinen Anfang nicht etwa mit der Fotografie nahm, sondern bereits mit dem Buchdruck als mechanische Bildreproduktion. Erst später wurde das Bild chemisch und nun eben digital hergestellt. Die Ausstellung Fotografie nach der Fotografie dokumentiert den aktuellsten Stand dieser Kunst: Eine Wohnung wird gezeigt, auf deren Fenster eine Lokomotive zuzurasen scheint; auf einer Hundertmeter-Tartanbahn steht eine Zypresse unschuldig auf Bahn 4, in eine unter Wasser gesetzte Wohnung taucht ein Turmspringer-all das spielt mit dem Trompe-l'oeil, einer Manipulation des Blicks, die gerade wegen ihrer Perfektion mit Leichtigkeit durchschaut werden kann: Jeder Effekt in der digitalen Fotografie macht nurmehr sich selbst und nicht mehr das Abgebildete zum Thema.
Verlierer ist dabei das Bild mit "Echtheitsanspruch"; etwa Saddams Angriff auf Kuwait, nachgestellt in der Wüste von Nevada. Digitale Fotografie dagegen etabliert sich als zunehmend eigenständige Kunstform: Die Bildmanipulation wagt sich aus dem Versteck einer Fälscherwerkstatt, indem sie jede traditionelle Analogie zwischen menschlichem Auge und Kameraobjektiv leugnet. Es gibt kein Negativ mehr, das Duplikate erzeugen kann, sondern eine Bilddatei die x-beliebig veränderbar ist. Daraus erwächst kaum Schrecken, schon deshalb nicht weil die Digitale Fotografie dem menschlichen Sehen wesentlich verwandter ist als die traditionelle Fotografie: Niemand sieht wie auf einem herkömmlichen Foto "alles objektiv", gewöhnlich registriert die Netzhaut nur die Veränderungen innerhalb eines Bildumfelds.
Genauso interessiert sich auch die Digitale Fotografie nur für die Veränderung die Differenz. Dabei muß sie nicht mehr das inszenieren, was "vor" der Kamera ist sondern kann es nun ebensogut auch "in der Kamera, in der digitalen Pixelwelt tun: In der Weltausstellung manipulierter Bildwelten kreuzt die New Yorkerin Nancy Burson ein Reagan-Porträt mit Breshnews und gibt eine Prise Thatcher dazu einen Hauch Mao und eine Messerspitze Deng Xio Ping-ein ganz treffliches Verbrecherphoto ist entstanden. Aber schon 1993 erfand das amerikanische Time Magazine, mit Fotomanipulationen auf ihrer Titelseite nie sehr zimperlich, die ideale Amerikanerin aus dem Computerbaukasten: Das Porträt der jungen Frau wurde prozentual korrekt aus allen in den USA lebenden Ethnien zusammengesetzt, das Ergebnis war in seiner Wirkung das Gegenteil der Politikerköpfe; verblüffende Schönheit strahlte vom Cover herab: "The
Woman of the Year", schwärmten die Redakteure. Natürlich schwindet bei solchen Verfahren der Glaube an die fotografierte Wirklichkeit, aber dieser Glaube ist gerade in der Kunst schon so lange auf den Müllhaufen der Geschichte gewandert, wie auch niemand mehr einen röhrenden Hirsch verlangt, der wirklich geröhrt hat als er gemalt wurde.
Für die Kunstfotografie beginnt so ein neues Kapitel: Nicht mehr die Arbeit des Auges des Fotografen, der perfekte Augenblick, der richtige Ausschnitt, der kongruente Bildraum ist ihr Maßstab, sondern sämtliche Aspekte des Bild-Seins einschließlich derer der bildenden Kunst. Ein aufregendes Beispiel in der Ausstellung Fotografie nach der Fotografie sind die Arbeiten des Kaliforniers Keith Cottingham. Er portraitiert junge Männer, die einander wie eineiige Zwillinge ähneln und dabei gemalt erscheinen. Man denkt an fotorealistische Malerei kommt aber der Machart nur schwer auf die Spur: Tatsächlich ist Cottingham etwas gelungen, was der Kritiker Jacques Clayssen "digitale Schönheitschirurgie" nennt: Die Haut der jungen Burschen wird mit einer "Photoshops' genannten Software auf ihre Pixelstruktur untersucht und verändert. Was im Zeitungsdruck das Raster ist, im Foto das Silberjodidkorn, ist in der Computergrafik das Pixel, die kleinste manipulierbare Einheit eines Bildes. Haut- und Bildoberfläche haben dabei für Cottingham eine sehr ähnliche Struktur; beide sollen geglättet werden, in der plastischen Chirurgie wie in der klassischen Fotografie. Dieses "Glätten" der Pixel läßt die Haut der abgebildeten Knaben hier nun wie eine mit Samt überzogene fleischliche Hülle erscheinen; die Porträtierten wirken dabei als würden sie schweben.
Und noch ein Höhepunkt der Ausstellung: Lynn Herman's America's Finest. Ein M16 Gewehr im Anschlag, sieht der Betrachter durch das Zielfernrohr, er greift zum Abzug und sein eigenes Abbild erscheint vor Kriegsbildern, für deren Zustandekommen die M16 nicht unverantwortlich war. Neben diesem moralischen Aspekt gibt es einen fast interessanteren: denn eines der ersten Fotoapparate überhaupt war Etienne Jules Maray's "fotografisches Gewehr": Statt Patronen war eine Filmdose geladen. Der Ausdruck "ein Foto schießen" ist seither nicht mehr totzukriegen.

Fotografie nach der Fotografie vom 2. April bis 12. Mai in der Städtischen-Galerie Erlangen, ab 28. Mai bis 14. Juli in den Brandenburgischen Kunstsammlungen Cottbus, danach vom 10. August bis 22. September im Museet for Fotokunst im dänischen Odense und ab 10. November bis 7. Januar 1997 im Schweizer Fotomuseum Winterthur zu sehen. USA, Kanada, Australien und Japan sind weitere Stationen. Der gebundene, 326seitige Katalog, erschienen im Verlag der Kunst, kostet in der Austellung 68 DM, im Buchhandel 98 DM. Im Internet ist die Ausstellung unter "http://www.ix.telepolis.de" einsehbar.


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